"I miss you, Jews!" – Der Marsch des Lebens in Lodz

Mein Vater wurde 1942 in eine Familie von "Volksdeutschen" in "Litzmannstadt" geboren, wie Lodz zur Zeit der deutschen Besatzung genannt wurde. Ein Bericht vom Marsch des Lebens in Lodz.

Mein Vater wurde 1942 in eine Familie von "Volksdeutschen" in "Litzmannstadt" geboren, wie Lodz zur Zeit der deutschen Besatzung genannt wurde. Mitten im Zentrum für Textilindustrie, in dem zuvor Polen, Juden und Deutsche zusammengelebt und gearbeitet hatten, wurden die Menschen nun völlig getrennt. Die Juden kamen ins Ghetto und wurden schließlich ermordet, auch die Polen wurden extrem bedrückt und vielfach ermordet. Meine Vorfahren aber, hatten den blauen Ausweis für Volksdeutsche - sie waren privilegiert. Beim Marsch des Lebens konnten wir Juden und Polen um Vergebung bitten für das, was unsere Vorfahren getan hatten.

Der Marsch des Lebens startete am Bahnhof Radegast. Die unter schrecklichen Bedingungen zusammengepferchten Juden versuchten, durch harte Arbeit den deutschen Besatzern nützlich zu sein und so am Leben gelassen zu werden - leider vergebens. Immer mehr nicht arbeitsfähige Ghettobewohner wurden vom Bahnhof Radegast in Vernichtungslager verschickt und am Ende wurde das ganze Ghetto liquidiert. Es war das am längsten existierende und nach Warschau das zweitgrößte Ghetto. Von über 200.000 Menschen im Ghetto überlebten nur etwa 5.000. Einer von ihnen ist Yechiel Aleksander, und er war am 27. August 2017 als Ehrengast dabei.

Unter der Leitung und Koordination von Edward Cwierz hatten sich gut 250 Teilnehmer versammelt. Neben vielen polnischen Christen und der jüdischen Gemeinde von Lodz beteiligten sich auch der städtische Kinderchor und das Marek Edelmann Zentrum des Dialogs, bei dem der ca. einstündige Marsch auch seinen Abschluss fand. Der neunzigjährige Yechiel Aleksander, der in seinem hohen Alter wieder Verbindung zu seiner alten Heimat aufgenommen hat und inzwischen regelmäßig an Gedenk- und Versöhnungsveranstaltungen in Polen teilnimmt, hatte diesmal auch seinen Sohn Avraham mitgebracht. Ebenso aus Israel war der israelische Knesset-Abgeordnete Yehuda Glick angereist, der von seiner ersten Begegnung mit dem "Marsch des Lebens" sehr bewegt war.

Auch eine 12-köpfige Gruppe aus Deutschland war mit dabei, deren Teilnehmer auf verschiedene Weise mit Lodz verbunden sind. Die Tübinger Radioonkologin Franziska Eckert erinnerte an die Verstrickung ihrer Universität in die nationalsozialistische Rassenlehre. Erst vor einigen Jahren ist dort im Archiv eine Arbeit des NS-Wissenschaftlers Hans Fleischhacker aufgetaucht, in der er 300 im Lodzer Ghetto abgenommene Handabdrücke von Juden rassetheoretisch analysierte. Andrea Ahrens berichtete davon, dass ihr Großvater bei der Reichsbahn in Lodz tätig war, also in Radegast unmittelbar an der Deportation der Juden in die Vernichtungslager mitgewirkt hatte.

Erinnern, Versöhnen, ein Zeichen setzen gegen den modernen Antisemitismus - wie wichtig ist das in der großen Stadt Lodz, in der heute kaum noch Deutsche und Juden leben, in der sich aber die örtlichen Fußballfans mit antisemitischen Schimpfnamen titulieren. Es gibt so viel aufzuarbeiten. Der polnische Künstler Rafal Betlejewski hat es in seinen Graffitis auf der Pjotrkowska, der Hauptstraße Lodz, so auf den Punkt gebracht: "I miss you, Jews!"

Hans-Peter Besteck

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