1.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor

Über 1.000 Teilnehmer versammelten sich 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und 50 Jahre nach der Wiederaufnahme deutsch-israelischer Beziehungen am 10. Mai 2015 zum Marsch des Lebens in Berlin. Vizekanzler Sigmar Gabriel dankte den Teilnehmern des Marsch des Lebens in einem schriftlichen Grußwort für ihr Engagement und beschrieb eine der Kernmotivationen der Bewegung: “Wer heute “Nie wieder!“ sagt, muss aufstehen, wenn Juden in Deutschland Angst haben, mit der Kippa auf die Straße zu gehen.“

Als Teil des Vorprogramms zum Marsch des Lebens am Samstagabend im Saal der “Gemeinde auf dem Weg“ wurden die anwesenden Holocaustüberlebenden geehrt. 18 Überlebende waren aus Berlin und Israel gekommen, um am Marsch des Lebens teilzunehmen. Gita Koifman, Vorsitzende des israelischen Verbandes der Ghetto- und KZ-Überlebenden, sagte bei der Veranstaltung: “Als ich christliche Freunde Israels kennengelernt habe, habe ich als Holocaustüberlebende zum ersten Mal gespürt, dass wir nicht alleine sind. Die Märsche des Lebens an so vielen Orten sind die höchste Ebene des Gedenkens, die wir nur gemeinsam erreichen können.“

Nach dem Marsch am Sonntag vom Anhalter Bahnhof zum Brandenburger Tor [1] erzählte  der Holocaustüberlebende und Ehrengast Yechiel Aleksander in kurzen Worten seine Geschichte: “Ich hatte in Auschwitz keinen Namen, nur eine Nummer - ich habe zwei Todesmärsche überlebt, heute bin ich zum dritten Mal auf dem Marsch des Lebens dabei!“ Der ehemalige Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan J. Kramer, würdigte den Marsch des Lebens als eine Gedenkveranstaltung, die nicht nur den Kopf, sondern auch die Herzen erreiche. “Bitte macht weiter“, sagte er. Der Kantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sang das Kaddisch. Die Tübinger Universitätsklinik-Ärztin Franziska Eckert erzählte vom Schweigen in ihrer Familie: “Mein Großvater war Teil der SS und ein Massenmörder. Nach dem Krieg wurde das in meiner Familie totgeschwiegen – das ist ein Grund, warum ich heute die Worte finde möchte, die mein Großvater nicht gefunden hat, und gegen Antisemitismus aufstehe.“

Als Initiator des Marsch des Lebens erklärte Jobst Bittner, dass nach 70 Jahren, in denen Deutschland viel unverdiente Gnade und Segen empfangen hat, kein Schlussstrich gezogen werden dürfe. Er verlas gemeinsam mit Pastoren aus Berlin, Polen, Russland, Lettland und der Ukraine eine Erklärung: “Wir versprechen, dass wir nicht aufhören werden, an die Opfer des Zweiten Weltkriegs und den Völkermord an den Juden zu erinnern. Wir versprechen ebenso, dass wir angesichts eines neu aufflammenden Antisemitismus“ und Judenhasses, rassistischer Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit nicht aufhören werden, öffentlich unsere Stimme zu erheben. Deutschland ist keine “Führernation“, sondern eine “Dienernation“. Wir sind nicht berufen, andere Länder zu dominieren, sondern ihnen mit unseren Gaben zu dienen. Wir sind dankbar für das jüdische Erbe des christlichen Glaubens und erkennen die bleibende Erwählung Israels an.“ Der Abgeordnete der israelischen Knesset Robert Ilatov richtete in seiner Rede den Blick nach vorne: “Als Knessetabgeordneter bin ich stolz, dass ich heute hier stehen darf - 70 Jahre nach Ende des Holocaust, als Jude, als Israeli. Der Marsch des Lebens ist ein Zeichen, dass wir eine gemeinsame Zukunft gestalten wollen.“

Zum Abschluss fand ein “Fest des Lebens“ statt, zu dem der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Dr. Gideon Joffe, die Marsch des Lebens Teilnehmer im Großen Saal seiner Gemeinde willkommen hieß. Dort gab der renommierte Holocaustforscher Gideon Greif (Israel) einen historischen Überblick über die Todesmärsche von Auschwitz. Er sprach darüber, wie der Holocaust “die Seelen der Täter zerstört“ habe. Bei allen Veranstaltungen des Marsches brachen junge Leute das Schweigen darüber, wie tief ihre eigenen Familien im Nationalsozialismus verstrickt und an der Entrechtung, Vertreibung und Ermordung der Juden beteiligt gewesen waren. Auf dieser Grundlage wurde die Versöhnung und Freundschaft möglich, die beim Fest des Lebens sichtbar wurde, dessen Programm Juden und Christen gemeinsam gestaltet hatten.

Der Marsch des Lebens in Berlin war der vorläufige Höhepunkt von hunderten Märschen des Lebens in Deutschland und weltweit seit dem Beginn der Bewegung. Vertreter der Märsche des Lebens aus Deutschland sowie Österreich, Polen, Ungarn, Lettland, Bolivien, Paraguay, Peru, der Ukraine und den USA waren bereits am Vormittag bei einem feierlichen Empfang zusammengekommen. Gita Koifman übergab ihnen im Auftrag der israelischen Knesset eine besondere Ehrung für ihr Engagement der Erinnerung an den Holocaust und der Freundschaft zu Israel.

 


[1] Informationen zu den Stationen der Route finden Sie im Begleitheft zum Marsch des Lebens Berlin, dass Sie hier herunterladen können.

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