Marsch des Lebens Gdansk

Die komplette Rede von Jobst Bittner bei der Abschlussveranstaltung am grünen Tor.

Ansprache

Marsch des Lebens in Gdansk

1. September 2019

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Jobst Bittner, ich bin Pastor sowie Gründer und internationaler Präsident der Marsch des Lebens Bewegung.

Wir haben das Vorrecht, in Gdansk zusammen mit Pastor Edward Cwierz und der Stiftung Versöhnung eine Polnisch - Deutsche Freundschaftskonferenz zu veranstalten und heute anlässlich des 80. Jahrestags des deutschen Überfalls auf Polen mit einem Gedenkmarsch an den Gedenkfeierlichkeiten teilzunehmen.

Die Marsch des Lebens Bewegung gibt es seit mehr als 12 Jahren. Sie führte bisher in 20 Nationen und mehr als 400 Städte Veranstaltungen durch. Sie will "Erinnern, Versöhnen und Zeichen für die Zukunft setzen."

Vor 80 Jahren überfiel das Deutsche Reich am frühen Morgen des 1. September seinen polnischen Nachbarn. Sechs Millionen Polen, davon drei Millionen Juden wurden durch deutsche Hand getötet. Die Wehrmacht und SS führten einen rassistischen Vernichtungskrieg.

Deutsche erklärten die slawischen Länder östlich ihrer Grenze zu "Untermenschen", bombardierten ihre Städte und Dörfer und errichteten auf polnischen Boden deutsche Konzentrationslager und deutsche Gaskammern.

In dem von den Nazis kontrollierten Besatzungsgebiet begannen die Verhaftungen der polnischen Intelligenz schon vom ersten Kriegstage an. Die polnische Oberschicht sollte vernichtet und die restliche Bevölkerung zu einer leicht verfügbaren Masse degradiert werden.

Die Intelligenzaktion war der Auftakt von dem Massenmord und der Vernichtung der polnischen Elite, der bis April 1940 mehr als 100.000 Polinnen und Polen und polnische Jüdinnen und Juden zum Opfer fielen.

Wir gedenken heute ebenfalls den 13.000 Opfern des Massakers von Piasnica. Wir besuchten gestern mit einer Delegation die Gedenkstätte Piasnica, in dessen Wäldern bis Dezember 1939 durch Angehörige der Waffen-SS und des "Volksdeutschen Selbstschutzes" tausende Polinnen und Polen, Kaschuben, Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen sowie Jüdinnen und Juden ermordet wurden.

Der Angriff auf Polen wurde lange vor dem deutschen Überfall geplant und vom ersten Kriegstag mit der Erstürmung des Danziger Postamts und Verhaftungen der polnischen Oberschicht durchgeführt.

Die Intelligenzaktion war nur der Auftakt zur Ermordung polnischer Eliten. Anschließend wurde diese mit der sogenannten AB-Aktion ("Außerordentliche Befriedungsaktion") kontinuierlich fortgesetzt.

Anders als in Polen hat der systematische Massenmord der Intelligenzaktion in der deutschen Erinnerung an den zweiten Weltkrieg kaum Eingang gefunden. An dieser Stelle scheint das deutsche Gedächtnis lückenhaft zu sein.

In der deutschen Geschichtsschreibung beginnt der Vernichtungskrieg mit dem Überfall auf die Sowjetunion. Wenn in der deutschen Öffentlichkeit über den Krieg in Polen berichtet wird, dann ist meistens von einem "Blitzkrieg" die Rede.

In dem deutschen Familienbewusstsein kommen die Schuldverstrickungen unserer Familien in Polen kaum vor. Die deutsche Tätergeneration schwieg über ihre Schuld und verdrängte, was sie getan oder gesehen hatte. Viele rechtfertigten das, was sie getan hatten; die Vergangenheit wurde beiseitegeschoben und für die Opfer blieb in deutschen Familien kaum Betroffenheit oder Reue übrig. Die Schuld verschwand hinter einem undurchdringlichen Nebel.

Die Frage, was sich hinter dem Schweigen ihrer Familie verbirgt, ließ in Deutschland viele junge Menschen nachfragen. Die Enkel entdeckten die Schuld-Geschichte ihrer Vorfahren und wollten darüber nicht mehr schweigen. Ihre Vorfahren waren als Teile der Wehrmacht bei Massenerschießungen beteiligt, andere verantwortlich für die Vertreibung der Juden aus Städten und Dörfern, andere wiederum Offiziere in der Waffen-SS. Sie wussten, dass sie die Geschichte nicht mehr ungültig machen konnten - aber sie konnten dazu mithelfen, dass sich die Geschichte nie wieder wiederholen kann. Aus dieser Bewegung entstand der Marsch des Lebens.

Die Enkel gingen auf den Wegen der Todesmärsche und führten Gedenkveranstaltungen durch, um mit der Bitte um Vergebung Worte zu finden, die ihre Vorfahren nie gefunden hatten.

Hinter jedem historischen Gedenken stehen Namen und Familien - sowohl unter den Opfern als auch unter den Tätern - die nicht anonym sind, sondern real und ganz persönlich. Um es hier ganz deutlich zu sagen: Der Überfall auf Polen und die systematische Vernichtung von Millionen Menschen geschah nicht durch eine anonyme Masse. Es waren unsere Väter, Großväter und Urgroßväter.

Der Überfall auf Polen und damit der Beginn des zweiten Weltkriegs war der mörderische Anfang einer unermesslichen, nicht wieder gut zu machende deutschen Schuld, die bis heute tiefe Narben und Wunden in Polen hinterlassen hat. Unserer Vorfahren waren deutsche Wehrmachtsoldaten, Teile der Waffen-SS oder auch Angehörige der Polizei. Wir können uns als Nachfahren der Täter darüber nur demütig beugen und um Vergebung bitten und sagen, dass es uns unendlich leidtut.

Versöhnung lässt sich nicht einfordern und ist zerbrechlich. Unser Beitrag, den wir als Deutsche Nachfahren leisten können ist im Gedenken an der Seite unserer polnischen Freunde zu stehen und die Wahrheit unserer Familien auszusprechen.

Mit polnischem Leben wurde jüdisches Leben millionenfach vernichtet. Wir möchten als Marsch des Lebens Bewegung niemals aufhören gemeinsam ein Zeichen gegen jede Form von Judenhass und Antisemitismus zu setzen.

Ich bin davon überzeugt: Es gibt nur einen Weg im Umgang mit der Geschichte. Das ist der Weg der Versöhnung. Wir können die Schuld unserer Väter nicht ungeschehen machen - aber wir dürfen niemals aufhören uns demütig darüber zu beugen und die Wahrheit auszusprechen. Das ist der Grund, warum wir als "Marsch des Lebens" Bewegung in Polen und weltweit Versöhnungsmärsche und Freundschaftskonferenzen durchführen.

Ich bedanke mich zusammen mit den 200 deutschen Teilnehmern dieses Marsches für ihre Aufmerksamkeit.

 

Foto: Jarek Papior

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