Halle betrifft uns alle

Wer ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen will, fängt bei sich selbst an!

Diesem Aufruf folgten am 3. November 2019 etwa 500 Menschen unter ihnen der Oberbürgermeister von Halle Bernd Wiegand, der lokale Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle (Saale) Max Privorozki, der ehemalige Generalsekretär des Zentralrats der Juden Stephan Kramer sowie zahlreiche Organisatoren von Märschen des Lebens aus ganz Deutschland  und versammelten sich für einen Marsch des Lebens auf dem Hallmarkt in der Innenstadt.

In den letzten Wochen hatte es in Halle und überall in Deutschland zahlreiche Solidaritätskundgebungen und Gedenkmärsche gegeben. Warum trotzdem noch einen Marsch des Lebens drei Wochen später? Erstens wegen der herzlichen Freundschaft mit der Jüdischen Gemeinde zu Halle und zweitens, weil die Gesellschaft meist schnell vergisst und wieder zur Tagesordnung übergeht. Halle fordere Antworten, die Politiker, Antisemitismusbeauftragte und Bildungseinrichtungen nicht allein geben könnten, betonte Jobst Bittner, Gründer der Marsch des Lebens Bewegung: „Wer seine Stimme gegen Antisemitismus erhebt ist nur glaubwürdig, wenn er bei sich selbst beginnt.“

Damit wurde die Kundgebung auf dem Marktplatz sehr persönlich. Die Frage lautete nicht: ‚Was kann man tun?‘, sondern ‚Was kann ich persönlich tun?‘ „Eine Gesellschaft kann sich dann verändern, wenn sich Menschen verändern. Wir können uns sehr stark verändern, wenn wir unsere Familiengeschichten anschauen.“, erklärte Marsch des Leben Organisator Stefan Haas. Teilnehmer der Kundgebung erzählten auf der Bühne ihre Geschichten, die die Statements des Aufrufs unterstrichen:

1. Wir bekennen den Antisemitismus in uns und in unseren Familien. Wir hören auf, Antisemitismus nur bei anderen anzuklagen!

2.  Wir bekennen, Antisemitismus im Alltag zu lange geduldet und dazu gleichgültig geschwiegen zu haben. Wir hören auf, Antisemitismus politisch zu instrumentalisieren!

3.  Wir bekennen einen Jahrtausende alten christlichen Antijudaismus, der bis heute Auswirkungen hat. Wir hören auf, Antisemitismus alleine als ein gesellschaftliches Phänomen dieser Zeit zu betrachten!

4.  Wir bekennen, dass unsere Freundschaftsbekundungen gegenüber Israel unserem Handeln allzu oft nicht entsprechen. Wir hören auf, Antisemitismus von anti-israelischen Haltungen zu trennen!

5.  Wir bekennen, dass wir verantwortlich sind, zu jeder Zeit und an jedem Ort kontinuierlich und energisch unsere Stimme gegen Antisemitismus und Judenhass und für Israel zu erheben. Wir hören auf, Antisemitismus nur bei Gedenkveranstaltungen und Mahnwachen zu beklagen!

Danial aus dem Iran erzählte, wie er mit anti-israelischer Propaganda aufgewachsen und als Flüchtling in Deutschland immer wieder bei Arbeitskollegen auf Antisemitismus gestoßen sei. Der Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau und der Marsch des Lebens habe ihn nachhaltig verändert. Heute konfrontiere er antisemitische Kommentare auf der Arbeit und stehe an der Seite des jüdischen Staates. Auch Nachfahren von Theologen und überzeugten Nationalsozialisten berichteten über ihre eigene Gleichgültigkeit und die Schuldverstrickungen der eigenen Familie und wie sich ihre Haltung gegenüber Juden und Israel mit der Aufarbeitung änderte.

Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle, sagte in seiner bewegenden Rede, dass man in der Gemeinde selbstverständlich darüber spreche, ob es nicht Zeit sei, Deutschland zu verlassen. Aber der Anschlag habe zwei Dinge gezeigt: „Ohne Gottes Hilfe werden wir nirgendwo absolut sicher sein. Weder in Israel, noch in Amerika, noch in Deutschland. In jeder Generation und egal wo, gibt es immer Feinde die versuchen uns zu zerstören. Aber wir sind berufen das Licht für die Nationen zu sein und schon ein wenig davon kann viel Dunkelheit vertreiben.“ Dass die Tür den Schüssen standgehalten habe, sei ein Wunder und es beweise, dass Gott alleine echten Schutz biete.

Auch Stephan Kramer, Präsident des Amtes für Verfassungsschutz Thüringen, sieht in der Auswanderung der Juden keine Lösung: „Juden haben in Deutschland seit 321 n.Chr. gelebt. Wir werden uns aus diesem Land nicht vertreiben lassen, denn wir gehören hier her!“ Toleranz und Respekt könne man nicht von oben verordnen, aber Erziehung zur Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe sei eine durch nichts zu ersetzende Maßnahme gegen Radikalismus und Extremismus. Deshalb schätze er den Marsch des Lebens persönlich sehr, der eben in den Familien anfange.

Am Ende der Kundgebung formten die Teilnehmer symbolisch einen Davidstern auf dem Hallmarkt und hielten kleine Knicklichter in den dunklen Abendhimmel. Mit diesem Zeichen des Lichts zog der Marsch los durch die Innenstadt Halles bis zur Synagoge, wo der Marsch mit einer Schweigeminute für die Opfer seinen Abschluss fand.

Der Marsch des Lebens in Halle wurde unterstützt von Christen an der Seite Israels e.V., Initiative 27. Januar e.V. und ICEJ – Deutscher Zweig e.V.

Medienberichte:

Fernsehbericht des MDR (Bei 10:21 min)

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